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Ethische Betrachtung: A Doctor’s Dilemma

Dr. Kurt Schmidt schreibt in seinem Beitrag über den Umgang mit knappen Ressourcen in der Medizin und welche ethischen Dilemmas sich daraus ergeben können.

Der irische Dramatiker George Bernhard Shaw hatte im Jahr 1906 ein prägendes Erlebnis im Untersuchungslabor des St. Mary Hospitals in London. Zu dieser Zeit versuchte der britische Pathologieprofessor Almroth Wright einen Impfstoff gegen die gefürchtete Tuberkulose zu entwickeln, wobei die klinische Methode der Impfung zur damaligen Zeit unter britischen Ärzten heftig umstritten war und nur wenige Forscher darin eine erfolgversprechende Zukunft und verantwortbare Anwendung sahen. Sir Almroth erläutert gerade seinem Freund Bernard Shaw die Methode der Impfung, da wird der berühmte Arzt unterbrochen und gefragt, ob ein bestimmter Patient, nennen wir ihn hier Herr X, auch mit der neuen Methode behandelt werden könnte. Sofort entsteht unter den Anwesenden im Labor eine hitzige Diskussion und deutlicher Unmut macht sich breit. Von Überlastung des kleinen Forscherteams ist die Rede und dass Herr X es „nicht wert“ sei aufgrund der knappen Ressourcen behandelt zu werden.

Bernhard Shaw, zur damaligen Zeit schon ein bekannter Theaterkritiker und erfolgreicher Bühnenautor, wird hellhörig und wittert den dramatischen Stoff, der sich ihm in dieser Szene offenbart: Darf der Arzt darüber entscheiden, ob das Leben eines Menschen „erhaltenswert“ ist? Nach welchen Kriterien wird entschieden, wer behandelt werden soll, wenn die medizinischen Ressourcen nicht für alle ausreichen? Shaw erkennt, wie er später selbst schreibt, dass man diesen realen Fall nur noch auf einen „sehr interessanten Patienten mit einem moralisch extrem fraglichen Soll-und-Haben-Stand und vielleicht noch einer sehr attraktiven Ehefrau zu übertragen brauchte, um das Dilemma des Arztes praktisch unlösbar und folglich hochdramatisch zu machen.“ Innerhalb von nur vier Wochen bringt er das Stück „A Doctor’s Dilemma“ zu Papier, das am 20. November 1906 im Royal Court Theatre in London mit großen Erfolg uraufgeführt wird.

 

A Doctor’s Dilemma

Mit Mittelpunkt des von Shaw entworfenen Bühnenstücks steht der Arzt Dr. Colenso Ridgeon, der gerade ein neues Heilmittel gegen die oft tödlich verlaufende Infektionskrankheit Tuberkolose entwickelt hat. Seine Behandlungskapazitäten für 10 Patienten sind so gut wie ausgeschöpft, als ihn eine junge Frau, Mrs. Dubedat, in seiner Praxis aufsucht und flehendlich bittet, ihren Mann, einen genialen Künstler, noch zusätzlich in die Behandlung aufzunehmen. Doch die Behandlungsplätze sind so gut wie belegt.

Und wäre dies alles nicht schon tragisch genug, so taucht auch noch sein früherer Studienkollege Dr. Blenkinsop auf, der seit 30 Jahren aufopferungsvoll als Armenarzt tätig ist, alles Geld für die Versorgung der sozial Schwachen ausgibt, sich selbst dabei völlig vernachlässigt hat und nun selbst an Tuberkulose erkrankt ist. Wenn schon jemand zusätzlich gerettet werden könnte, dann doch wohl eher Dr. Blenkinsop, zumal – sollte dessen Rettung gelingen – der Armenarzt auch weiterhin Gutes für die Allgemeinheit wird tun können. Dubedat hingegen ist zwar ein genialer Künstler, der sich jedoch zugleich als schamloser Betrüger, Ehebrecher und amoralischer Geselle erweist. So scheint es auf der Hand zu liegen, wer von den beiden es eher verdient hätte gerettet zu werden, doch so leicht macht es der Autor Shaw seinem Publikum nicht und entfaltet eine raffinierte Tragödie, an deren Ende alle erkennen müssen, dass die Frage, welchen „Wert“ ein Mensch für die Gesellschaft hat, die ärztliche Entscheidung nicht beeinflussen darf.

 

Entscheidungssituationen

In der medizinischen Versorgung kann es immer wieder zu schwierigen Entscheidungssituationen und belastenden Priorisierungen kommen, wenn nicht ausreichend Ressourcen zur Verfügung stehen. Drei Beispiele:

(1) Wer soll zuerst eine Impfung gegen eine gefährliche Krankheit erhalten, wenn noch nicht genug Impfstoff für alle hergestellt werden konnte?

(2) Wer soll bei einem Unfall mit sehr vielen Verletzten am Unfallort zuerst gerettet werden, wenn nicht alle gleichzeitig behandelt werden können?

(3) Wer soll auf der Intensivtherapiestation versorgt werden, wenn für die Versorgung aller Schwerstkranken nicht genug Beatmungsgeräte zur Verfügung stehen?

Mit Recht hat der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, kürzlich darauf hingewiesen, dass schon jetzt die gerechte Vergabe eines – hoffentlich bald entwickelten – Impfstoffes gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 geplant und Konzepte für eine „gestaffelte Verteilung“ des Serums entwickelt werden müssten. Da nicht auf einen Schlag ausreichend Impfdosen für alle Bürgerinnen und Bürger zur Verfügung stehen werden, sei es notwendig, bereits jetzt Kriterien für eine spätere Vergabe festzulegen.

Hierbei ist es wichtig, zunächst die Beschäftigten im Gesundheitswesen zu schützen. In einem nächsten Schritt müssten dann die Menschen zum Zuge kommen, die einer Risikogruppe angehören. Und dann schrittweise die gesamte Bevölkerung.[1] In diesem Sinne ist eine derartige Vorsorgeplanung und die transparente Etablierung gerechter Verteilungskriterien eine (lebens)wichtige Notwendigkeit der Gesundheitspolitik.

 

Kurt W. Schmidt

Zentrum für Ethik in der Medizin am

AGAPLESION MARKUS KRANKENHAUS

 

 

 

[1] https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/112285/SARS-CoV-2-Reinhardt-fuer-fruehe-Planung-bei-Impfstoffvergabe

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