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Ingestibles – wie intelligente Tabletten unsere Medikation in die Hand nehmen

Während die klinische Validierung der Wearables und ihrer Algorithmen im vollen Gange ist, betritt ein neues intelligentes Gerät die Bühne. Und das geht durch den Magen. Die Rede ist von Ingestibles, auch Smart Pills oder Digital Pills genannt.

Smart Devices, die mit Sensoren ausgestattet sind, beeinflussen unseren Alltag zunehmend und finden ihren Platz – und auch ihre Berechtigung – im Gesundheitswesen. Neben dem Smartphone sind auch zahlreiche Wearables täglicher Begleiter des Menschen. Angefangen beim reinen Schritte zählen über die Erfassung von Vitalparametern bis zur Diagnosestellung durch digitale Biomarker können Sensoren in Smartphone, Wearable und unserer Umgebung einen medizinischen Mehrwert bieten.

Während die klinische Validierung der Wearables und ihrer Algorithmen im vollen Gange ist, betritt ein neues intelligentes Gerät die Bühne. Und das geht durch den Magen. Die Rede ist von Ingestibles, auch Smart Pills oder Digital Pills genannt. Diese intelligenten Tabletten sind mit kleinen Sensoren versehen, welche verschiedene Daten erfassen und weiterleiten können. Sie sollen zum Beispiel bei der Diagnose unterstützen oder zum Monitoring der Medikamenteneinnahme eingesetzt werden.

Wie alles begann

Wirklich sichtbar wurden Ingestibles in der Öffentlichkeit als Ende 2017 das erste Ingestible von der US Food and Drug Administration (FDA) zugelassen wurde [1]. Das Unternehmen Proteus Digital Health [2] hat gemeinsam mit Otsuka Pharmaceutical [3] eine mit Sensoren ausgestattete Tablette auf den Markt gebracht. Die Tablette Abilify MyCite ist dabei eine Zusammensetzung des Antipsychotikums ABILIFY® mit einem Sensor, der die Einnahme des Medikaments dokumentiert, indem ein elektrisches Signal ausgelöst wird sobald die Tablette von der Magensäure verdaut wird. Der winzige, aktivierte Sensor überträgt Daten an ein Pflaster-artiges Patch auf der Haut. Dieser wiederum sendet die erhaltenen Informationen an eine Smartphone App. Das Produkt ist zugelassen für die Behandlung von Schizophrenie, die Akutbehandlung von manischen und gemischten Episoden im Zusammenhang mit einer bipolaren Störung und als Zusatzbehandlung bei Depressionen. Das digitale Aufnahme-Tracking-System ermöglicht Patienten, Ärzten und auch Angehörigen das Monitoring der korrekten Medikamenteneinnahme.

Einsatzmöglichkeiten

Mit der ersten Marktzulassung für ein solches Produkt, bestehend aus einer stofflichen Komponente, einer technischen Komponente sowie einer rein digitalen Komponente brach eine neue Ära an. Sie birgt nie dagewesene Möglichkeiten und völlig neuartige Erkenntnisse für das Gesundheitswesen.

Heute wird das System auch in weiteren Indikationen und Use Cases eingesetzt. Häufig handelt es sich hierbei um sehr kostenintensive Behandlungen, bei denen die akkurate Einnahme der Medikamente von großer medizinischer Bedeutung ist. Ein Beispiel hierfür ist der Einsatz des Ingestible-Ansatzes zur Steigerung der Adhärenz bei pädiatrischen Patienten nach einer Herztransplantation am Children´s Health Klinikum in Texas, USA [4]. Auch im Bereich der HIV Prophylaxe (kurz: PrEP) gab es erste Projekte, bei denen die Sensortechnologie zum Einsatz kam [5].

Und an der Universität in Minnesota, USA wird der Einsatz des Sensors bei einer oralen Chemotherapie zur Behandlung von Kolonkarzinomen getestet [6]. Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston, USA hat sogar eine 3D-gedruckte Variante eines Ingestibles entwickelt, das sich bis zu einer Dauer von einem Monat an die Magenwand heften kann zum einen Vitalparameter wie z.B. die Temperatur erfasst und kontinuierlich Wirkstoffe abgibt [7][8].

Auch zu diagnostischen Zwecken können ähnliche Technologien zum Einsatz kommen wie beispielsweise in der Darmkrebsvorsorge. Erste Ingestible-Konzepte arbeiten mit Mini-Kameras welche dem Arzt einen direkten Blick auf das Innere des Dickdarms ermöglichen [9][10].

Potenzial

Diese Anwendungsfälle zeigen auf, wo das Potenzial in der Therapie liegt. Die digitale Welt bietet eine Vielzahl von Möglichkeiten die Adhärenz der Medikamenteneinnahme zu steigern. Manche beruhen allein auf Smartphone Apps, welche den User regelmäßig an die Einnahme erinnern, andere Systeme fußen auf sogenannten Smart Pill Boxes oder Bottles. Damit sind intelligente Medikamentendosen gemeint, die registrieren, wenn sie geöffnet und eine Tablette entnommen wurde. Häufig können diese Systeme ebenfalls Erinnerungen an ihre User senden. Ingestibles gehen noch einen Schritt weiter und verfolgen nicht nur die Entnahme der Tablette aus der Packung, sondern auch, ob diese tatsächlich eingenommen wurde.

Wir werden in den nächsten Jahren viele interessante Ansätze zum Einsatz einer solchen Technologie sehen. Auch wenn diese derzeit vorwiegend in den USA entwickelt werden, birgt dieser Ansatz auch ein großes Potenzial für die Verbesserung der Versorgung in Deutschland.

 

Laura Wamprecht

Christane Meyer

Laura Wamprecht und Christane Meyer
Flying Health
Friedrichstr. 68
10117 Berlin
wamprecht@flyinghealth.com

 

 

[1] https://www.fda.gov/news-events/press-announcements/fda-approves-pill-sensor-digitally-tracks-if-patients-have-ingested-their-medication
[2] https://www.proteus.com/
[3] https://www.otsuka.co.jp/en/
[4] https://www.mobihealthnews.com/content/texas-based-childrens-health-pilots-proteus-ingestible-sensor-pills-heart-transplant
[5] https://www.mobihealthnews.com/content/pharmacokinetic-study-proteus-ingestible-sensor-paves-way-clinical-trials-hiv-prevention
[6] https://www.mobihealthnews.com/content/proteus-digital-pill-now-delivering-chemotherapy
[7] https://futurism.com/smart-pill-3d-printed-bluetooth
[8] https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/admt.201800490
[9] http://pillcamcolon.com/
[10] http://www.check-cap.com/

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